Wenn Ihr wissen wollt, wie es Rayl und mir in Amerika so ergangen ist, dann lest mal hier... München ist nicht New York City... und das ist auch gut so [18.11.04] (von Ko Bylanzky) Nun habe ich sie also gesehen, die großen Poetry Slams Amerikas. Marc Smiths Uptown Poetry Slam im Green Mill in Chicago, dem Ursprungsort des Slams, den Slam im Nuyorican Poets Cafe, dem medial am meisten wahrgenommenen Veranstaltungsort und dazu noch die volle Dosis beim U.S. National Slam mit bis zu 25 Shows pro Tag und das ganze vier Tage lang. Unser Kulturträger, das Goethe Institut und vor allen Dingen der Einsatz von Mr. Slampapi himself, Marc Smith, machten es möglich, dass mein Kompagnon Rayl Patzak und ich uns auf Spurensuche begeben durften. In das Mutterland des Poetry Slams, als deren Epigonen wir angesehen wurden. Es war schon peinlich, immer mit den Schultern zucken zu müssen, wenn man mich nach den Slams in den USA befragte. Ich konnte zwar wiedergeben, was mir erzählt wurde, und schließlich hatten wir auch reichlich Informanten. Seit Marc Smith 1998 den Anfang machte, hatten wir über 40 Poeten aus den USA zu Gast, auch Legenden wie Bob Holman, Taylor Mali, Jeff Mc Daniel oder Michael Brown, die natürlich eine ganze Menge zu erzählen haben. Nur selbst da gewesen bin ich eben noch nie, ganz klar ein Makel in meiner Biografie. Natürlich bleibt es nicht aus, dass man Poetry Slam in Deutschland mit den USA vergleicht. Allein die Auftritte amerikanischer Slammer hierzulande geben dazu Anlass. Dabei ist es von vielerlei Seite gar nicht erwünscht, Gäste aus Übersee zu sehen. Meiner Meinung nach, hat jedoch gerade dieser Austausch der deutschen Spoken-Word-Kultur den entscheidenden Schub gegeben. Selbst an den textlich schwächeren U.S.-Poeten, kann sich der Großteil der Dichter auf Deutschen, Österreichischen und Schweizer Slambühnen ein Beispiel in punkto Professionalität und Bühnenpräsenz nehmen. Nahezu jeder Amerikaner, den wir bis jetzt da hatten, ging ohne Textblatt auf die Bühne und demonstrierte, was Performance Poetry bedeuten kann. So lebten unsere Gäste ihre Texte auf der Bühne aus, malten Bilder in die Luft, durchlitten ihre Gedichte, jammerten, stöhnten, schrieen - wie man es hierzulande noch nie zuvor gesehen hatte. Ganz anders ist es natürlich diese Poeten in ihrem Heimatland vor einem Publikum zu sehen, dass ihre Sprache nicht nur teilweise versteht sondern sie fühlt und lebt. Wir flogen mit großen Erwartungen dorthin, hatten wir doch schon zahlreiche Poeten bei uns. Außerdem haben wir im Substanz einen der größten Slams der Welt, das müsste sich eigentlich herum gesprochen haben. Leider mussten wir merken, dass sich die Aufmerksamkeit doch eher auf das bevorstehende Großereignis richtete als auf die Gäste aus Europa. wir jedoch verspürten eine gewisse Gleichgültigkeit. Man hatte sofort den Eindruck einer großen Community, nur dass wir nicht dazu gehörten. Einzig der Kontakt zu Poeten, die schon bei uns aufgetreten sind, wie Joel Chmara und Derrick Brown, half ein wenig sich in diese Gemeinschaft einzufinden, konnten sie doch selbst einschätzen, dass es in Europa sehr wohl auch interessante Poeten und Auftrittsorte gibt. Ich möchte nicht wieder mit dem Vorurteil anfangen, dass Amerikaner nicht wissen, wo Deutschland liegt, es machte zumindest den Eindruck als wäre jedes x-beliebige Kaff in Kentucky für sie interessanter. Der Uptown Poetry Slam in der Green Mill Tavern in Chicago war unser erstes Ziel. Angesichts des bevorstehenden National Slams hatten sich zahlreiche frühzeitig angereiste Gäste angesagt. Das beeindruckendste an diesem Abend war dann eigentlich die Tatsache, den Original-Poetry Slam von Marc Smith in dem wunderbaren, altehrwürdigen Jazzclub miterleben zu können. Die Show lebt vor großartigen Präsentation des Slamerfinders. Mit einer unglaublichen Souveränität führt er durch den Abend, hält Zwiesprache mit dem Publikum und performt auch noch eigene Gedichte mit seiner Hausband. Das Publikum kannte die von ihm eingeführten Rituale meist schon und schnippte bei Gefallen mit den Fingern oder ließ bei sexistischem Inhalt das berühmte „feminist hiss“ mit langgezogenen „ssss“ erklingen. Die Programmpunkte Slam, Open Mike und Featured Poet geraten da fast zur Nebensache. Zumindest an jenem Abend war auch kein Poet anwesend, der sich kraft seines Auftritts in den Vordergrund spielen konnten. So verließen wir den Ort des Geschehens mit dem Eindruck, dass auch am Ursprungsort des Poetry Slam nur mit Wasser gekocht wird, es dort zumindest, wie bei uns, auch mal schlechte Slams gibt. Unser erstes Ziel in New York war der Slam „Windows over Harlem“, der im zwanzigsten Stock eines Regierungsgebäudes stattfand. Bevor man das Gebäude betreten durfte, musste man sich einer ausgiebigen Leibesvisitation unterziehen. Nachdem Rayl sich zum Rauchen nach draußen begeben musste, durchlief er diese Prozedur mehrere Male. Oben befand sich ein Restaurant mit einer Bühne. Vorab wurde man schon mit Sponsorgeschenken wie Keyholdern oder Parfümproben eingedeckt. Statt Eintritt verlangte das Restaurant einen Mindestverzehr von 20$. Es stellt sich nun die Frage, ob es sich nur noch nicht herum gesprochen hatte, dass die Show von einem Black-Music Club in dieses Gebäude gezogen ist oder ob die New Yorker Slam Community diese Auswüchse schlichtweg boykottiert. Jedenfalls fanden sich lediglich etwa 30 Besucher ein, darunter 10 Poeten. Nach dem schlechten Besuch wurde das Preisgeld kurzerhand von 100 auf 30 $ reduziert. Nachdem unsere Begleiterinnen, die in der Szene bestens bekannt waren, uns als Veranstalter aus Europa vorstellten, fanden sich spontan etwa 8 Poeten, die gerne kommen wollten. Obwohl einige Poeten durchaus Klasse hatten und für uns interessant waren haben wir bis dato von keinem etwas gehört. Den Slam im Nuyorican Poets Cafe sahen wir an einem Mittwoch, eigentlich eher der Tag für Newcomer. Der große Slam mit Gästen findet immer freitags statt. Möglicherweise lag es daran, dass auch an diesem Abend die Qualität nicht berauschend war. Vielleicht brauchen die Rookies aber auch einfach nur noch ein wenig Zeit und kommen dann später groß raus, zu dumm, dass ich mir keinen der Namen gemerkt habe. Es gab originelle Ansätze bei einigen Dichtern, jedoch überstrahlte auch hier die großartige Moderation des ehemaligen Nuyoricans Grand Slam-Champions Nathan P. und das Ambiente des ganz in Backstein gehaltenen Clubs die Qualität der Poeten. Auch die Masse der Slammer zerstörte den sonst ganz entspannten Abend, über 20 trugen sich in die offene Liste ein, im Laufe der Show meldeten sich noch etwa 10 Poeten an. Jedenfalls wissen wir jetzt, dass Julio the Doorman genauso knorrig ist, wie wir erzählt bekommen haben und dass das Nuyoricans eine touristische Attraktion ist, so verschlug es am selben Abend auch den Berliner ex-SlamMaster Jan Oberländer dorthin. Der prägendste und aufschlussreichste Eindruck der Reise war natürlich der National Poetry Slam in Chicago, der Stadt, in der alles begann. Die Organisation dieses riesigen Literaturfestivals war wirklich sehr beeindruckend. Der deutsche National, oder German International Poetry Slam (GIPS), wie er ja inzwischen heißt, mag ja schon groß sein, dagegen mutet er jedoch fast winzig an. In fünf wunderbaren Locations, die alle in Gehweite im Viertel Wicker Park voneinander entfernt lagen, gab es pro Tag zwei hochklassige Vorrunden, jede einzelne gut besucht bis rappelvoll. Dazu den ganzen Tag über Rahmenprogramme, vom Latino-Showcase über das Native-American-Open-Mike bis hin zum Haiku-Battle. Der deutsche National Slam oder German International Poetry Slam, wie er jetzt heißt, ist ja schon groß aber dagegen nicht mehr als eine Kleinveranstaltung. Abends gab es Partys auf den Hotelzimmern der Poeten, die gar nicht genug bekommen konnten und sich weiter Texte um die Ohren hauten. In der Stadt waren zudem Poeten aus allen Teilen des Landes, die sich nicht qualifiziert hatten aber nun als sogenannte Volonteers, also freiwillige Helfer, Teil der Veranstaltung sein konnten. Diese hatten die Möglichkeit mit den Teilnehmern zu wohnen und die Shows zu sehen, dafür sie bei der Organisation, stellten die Präsentbeutel für die Dichter zusammen oder rekrutierten die Juroren aus dem Publikum. So kam es, dass regelrechte Fangruppen ihre Stadt beim National Slam unterstützten. Durch die Anwesenheit dieser Helfer entstand für mich das Bild einer harmonisierenden intakten Szene, etwas was ich bis dato aus Deutschland auch nicht unbedingt kannte. Dazu kam ein Wertungssystem, das nicht den einzelnen sondern das Team in den Vordergrund stellt. Angefangen bei den Kurzpräsentationen bei der Eröffnung im Community Center, bei denen die Teams gut gelaunt öffentlich Werbung für die ganze Veranstaltung machten und sich ohne große Choreographie in maximal einer Minute vorstellen mussten, zog sich der Mannschaftsgeist durch die ganzen fünf Tage. Es mag dort genauso viele Rivalitäten wie hierzulande geben, in der Öffentlichkeit nimmt man wesentlich mehr die Kraft einer Bewegung wahr. Wertvolle Eindrücke jedenfalls, die wir bei unserem zweiten National Slam im Jahre 2006 umzusetzen versuchen. Die Vorrunden des Nationals waren zugegebenermaßen von einer großen Intensität. Nur wenn man dann den ganzen Tag Spoken-Word-Poetry amerikanischer Prägung hört, relativiert sich der ursprüngliche Eindruck doch ganz gehörig. Das was anfangs originell und aufregend wirkt, ist plötzlich relativ eintönig. Durch das Zeitlimit von drei Minuten sind die Texte sehr gleichförmig und werden wie Maschinengewehrsalven ins Publikum gefeuert. Und plötzlich vermisste ich sogar die Vielfalt, die auf den Slams im deutschsprachigen Raum vorherrscht. Die Auftritte wurden mit der Zeit immer durchschaubarer. Die Texte waren meist sozialkritisch, bei schwarzen Poeten war das Hauptthema die Ungleichbehandlung der unterschiedlichen Hautfarben, bei weißen eine Abrechnung mit der Bush-Regierung. Etwas später klärte mich ein Slampoet auf, dass man auf jeden Fall einen sozialkritischen oder politischen Text im Repertoire haben müsse, der allerdings natürlich politisch korrekt sein müsse. Damit erreiche man dann die hohen Scores. Und in der Tat wurde es teilweise regelrecht absurd: Ein schwarzer Schrank von einem Poeten sprach in weinerlichem Ton vom harten Leben seiner Mutter zwischen Abwasch und Kinder großziehen, erntete Standing Ovations von der Black Community und extrem hohe Punktzahlen, während meine mitteleuropäischen Begleiter und ich nur ungläubig staunten. Zwischen all den Spoken-Word- und RapPoeten wäre eine Geschichte mal nicht schlecht gewesen. Einfach mal ein wenig Abwechslung in dem Einheitsbrei. Ich sehnte mich nach komischen Texten, nach Jaromir Konecny, während in unseren Breitengraden ja sonst immer der Ruf nach Ernsthaftigkeit laut wird. Nur würde sich in Deutschland niemand trauen, das auszusprechen, was amerikanische Poeten auf die Bühne bringen. Zu platt ist und undifferenziert ist schlichtweg die Botschaft. Mit amerikanischem Pathos und mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen kann man solchen Aussagen vielleicht noch etwas abgewinnen, bekommt man das allerdings von einem Poeten in seiner Muttersprache aufs Butterbrot geschmiert, stünde man dieser Art der Predigt eher ablehnend gegenüber. Der Münchner RapPoetin FIVA wirft man gerade diesen Predigerton oft vor, man kann allerdings sicher sein, dass die vorgebrachte Sozialkritik wesentlich differenzierter vorgebracht wird, als dies bei den meisten der angesprochenen Poeten der Fall war. Irgendwann konnte ich das ganze dann jedenfalls besser einordnen und merkte, dass das alles gar nicht so viel anders ist als hierzulande. Es gibt auch in den USA gute und schlechte Poeten und vor allen Dingen auch ganz viel mittelmäßige. Natürlich gab es auch großartige Poetry zu sehen. Besonders die von zwei bis vier Leuten performten Grouppieces, die wie die solo vorgetragenen Stücke in die Wertung eines Teams einfließen, waren von herausragender Qualität. Bei uns eher eine stiefmütterliche Disziplin, wurden dort alle Register gezogen. Die Poeten harmonierten miteinander und stellten sich in den Dienst des Teams. Originelle Effekte und großartige Texte wurden geboten, teilweise sogar in ein und demselben Vortrag. In diesen Momenten würde das für jeden das herrschende Dichterbild des Poeten als individuellem, isolierten Wesen ad absurdum geführt werden. Natürlich fand man auch bei den Einzeldarbietungen Diamanten unter Kieselsteinen: beispielsweise Shane Koyzan, Steve Connell, Mariana Larzabal, Roger Bonair-Agard oder auch Jive Poetic, deren Klasse über die manchmal vorherrschende Monotonie hinweg tröstete. Relativ enttäuschend war dann leider auch das große Finale im wohl angesichts der happigen Eintrittspreise nicht ausverkauften Skyline-Theatre am Navy Pier. Bei den Vorrunden in den Clubs während der Woche gab es Hochklassigeres und Intensiveres zu sehen als das, was die vier Teams im Finale boten. Die Stimmung litt merklich unter der geringen Besucherzahl, das Finale war auch schon frühzeitig vorentschieden. Schließlich gewann verdient das Team aus Los Angeles, deren abschließendes Grouppiece, das schon fast an Tanztheater erinnerte, zumindest einen ästhetischen Genuss darstellte. Natürlich kann ich anhand der Vielzahl an Veranstaltungen nicht ansatzweise behaupten, alles gesehen zu haben. Nach vier Tagen und mehreren Shows täglich, schwindet selbst beim größten Maniac die Lust auf Poetry. Diese kleine Abrechnung soll nicht bedeuten, dass ich enttäuscht wieder nach Hause geflogen bin. Ich habe einiges gesehen: faszinierende Auftritte, großartige Clubs, gute Ideen. Für mich als Veranstalter waren das zwei immens aufschlussreiche Wochen, aus denen mir viele neue Anregungen für meine Arbeit hier in Deutschland gekommen sind. Mit den ebenfalls in Chicago anwesenden Verlegern vom Schweizer Menschenversand beschlossen wir quasi als Reaktion auf die Nichtbeachtung der europäischen Spoken-Word-Szene eine CD zu veröffentlichen, die speziell auch für amerikanische Ohren die Relevanz der Poetry auf dem ganzen Kontinent repräsentieren soll. Und auch der Plan, überhaupt noch einmal einen National Slam in München zum zehnjährigen Bestehen des Substanz-Slams auszurichten, entstand in diesen intensiven Tagen von Chicago auf diesem gigantischen und aufregenden U.S. National Poetry Slam. In der Tat kann man sich im Mutterland des Poetry Slam einiges abschauen, nur hat es in gewisser Weise auch einiges gerade gerückt. Letztendlich müssen wir uns in Deutschland, Österreich und der Schweiz vor niemandem verstecken. Die Slamdichte im deutschsprachigen Raum ist mit mittlerweile knapp 100 Slams auf einer wesentlich kleineren Fläche und die Entwicklung ist noch lange nicht beendet. Uns stehen neue Generationenauf Poetry Slams bevor, denen das, was in Deutschland die Slammer der ersten Stunde geleistet haben, in Fleisch und Blut übergeht und die darüber hinaus Eigenständigkeit beweisen werden. In Gabriel Vetter, Ken Yamamoto, Lydia Daher oder Lino Ziegel gibt es schon einige Beispiele für diese These. Auch was die Slams, die ich gesehen habe, betrifft, bin ich mit gestärktem Selbstvertrauen zurückgekehrt. Schon mehrfach haben wir von Gästen aus den USA gesagt bekommen, dass unser Slam zu den TOP 5-Slams der Welt gehört und mittlerweile glaube ich es fast selbst. Und wer mir nicht glaubt, dem kann ich nur empfehlen, sich selbst davon zu überzeugen. Zuerst ins Substanz und dann rüber nach Amerika und dann sprechen wir uns wieder. Einen Plan spukt seitdem aber in meinem Kopf: Ich will da wieder hin und dann richtig, am besten schon 2005. |