[ about Slam - Geschichte des Poetry Slam ]
   
Die unvollendete Geschichte des Poetry Slam in Zahlen und Fakten -
von den Anfängen bis heute
(Ko Bylanzky)

1975
Die puertoricanischen Poeten und Theatermacher Miguel Algarin und Miguel Pinero gründen in New Yorks Lower East Side das „Nuyorican Poets Cafe“. In den frühen Jahren treten dort vor allem puertoricanische Dichter auf. Daneben gibt es Jazzkonzerte und Theaterprojekte. Der kleine schäbige Club fasst nur knapp hundert Leute und ist allabendlich halb bis ganz gefüllt. Neben Lower East Side Berühmtheiten wie Lucky Sienfuegos oder Pedro Pietri, lassen sich William Burroughs, Allen Ginsberg oder Gregory Corso in den späten Siebzigern regelmäßig dort sehen.

1985
Der Performance Poet und ehemalige Bauarbeiter Marc Kelly Smith veranstaltet in der „Get Me High Lounge“, in Chicago's Bucktown-Viertel, Poetry Performances mit einer Jazzband im Hintergrund. Er gründet das „Chicago Poetry Ensemble“, ein Performance-Poetry-Team, das später als Prototyp für alle „National Slam Teams“ gelten wird.

1986
Marc Smith zieht mit seiner Truppe in den größeren „Green Mill Jazz Club“ um. Hier baut er eine Poetry Show, bestehend aus drei Teilen auf: Den erste Teil bildet ein Open Mike, der zweite präsentiert Gäste aus allen Teilen der USA und zum Schluss tritt das „Chicago Poetry Ensemble“ auf. Da es jedoch zu mühsam ist, jede Woche ein neues Teampiece einzustudieren, belegt Smith jede zweite Woche mit einer Art Dichterwettstreit. Damit findet der erste Poetry Slam der Welt statt. Schnell wird der Wettkampf der Performance-Poeten zur Hauptattraktion. Marc Smith nennt die Veranstaltung „The Uptown Poetry Slam“.

1987
In Ann Arbor (Michigan) begründet der Dichter und Dramatiker Vince Keuter im August einen zweiten Slam. Derweil wächst das lokale Medieninteresse in Chicago ständig.
In New York feiert Rap als poetische Gattung durch neue rappende Poeten, wie beispielsweise Peter Spiro, R. Cephas Jones oder Amiri Barakas Sohn, Ras Baraka seinen Einzug in das „Nuyorican Poets Cafe“.

1988
Das „Nuyorican Poets Cafe“ in New York ist von der Schließung bedroht. Miguel „Micky“ Pinero stirbt an Aids.
Smiths „Uptown Poetry Slam“ kann das gesamte Jahr auf ein ausverkauftes Haus zurückblicken. Die Chicago Tribune schreibt: Poesie war noch nie so spannend, wie beim Uptown Poetry Slam .

1989
Der New Yorker Poetry-Aktivist und clevere Marketing-Spezialist Bob Holman fand Gefallen an Marc Smiths Poetry Slam-Konzept und ermuntert den entmutigten Miguel Algarin zur Neueröffnung des „Nuyorican Poets Cafe“.

1990
Das „Nuyorican Poets Cafe“ zieht in einen neuen, größeren und gepflegteren Club in der Lower East Side um. Holman und Algarin stellen den Poetry Slam in den Mittelpunkt des neuen Konzepts.
Gary Glazner veranstaltet in San Francisco den ersten „National Poetry Slam“ der USA. Teilnehmer sind nur drei Städte: Chicago, San Francisco und New York. Chicago gewinnt Team- und Individual-Competition.

1991
In New York nutzt Algarins neuer Partner Holman seine Kontakte zu MTV und anderen Fernsehsendern. Das Konzept von „MTV Poetry Unplugged“ entsteht. Gleichzeitig erscheint eine Garde neuer Poeten auf der New Yorker Bildfläche, die erstmals als Slam-Poeten bezeichnet werden. Maggie Estep, Dana Bryant, Sekou Sundiata oder die Rap-Poetin Tracy Morris verkörpern den neuen Typus des Nuyorican-Poeten.
In Chicago findet der zweite „National Poetry Slam“ statt. Acht Städte nehmen teil, darunter Cleveland, Boston und Ann Arbor. Chicago gewinnt wieder.

1992
Siebzehn Städte kommen zum „National Poetry Slam“ in Boston. Siegerteam wird Boston selbst.
Ab September laufen erstmals Poetry Video Clips im amerikanischen MTV. Maggie Estep, Dana Bryant, Tracy Morris, Hal Sirowitz und Paul Beatty sind die ersten Slam-Fernseh-Stars. Einen Monat später startet „MTV Poetry Unplugged“. Ständig touren Nuyoricans-PR Gruppen durch New Yorks Clubs und Ende des Jahres auch durch den Rest der USA.

1993
In Finnland und Schweden entstehen erste Slams. In London veranstaltet John Paul O'Neil den ersten Poetry Slam in Großbritannien.
San Francisco veranstaltet zum zweiten Mal den „National Poetry Slam“. 23 Städte nehmen teil, darunter auch kanadische Teams. Ein Team aus Finnland kommt zu Besuch. Boston verteidigt seinen Titel, Patricia Smith (Chicago) gewinnt die Individual-Competition zum dritten Mal.
Im Galrev Verlag Berlin erscheint erstmals eine dünne Anthologie mit US-Slammern der ersten Stunde.
Der Kölner Krash-Verlag veranstaltet im Dezember die 1. Deutsche Literaturmeisterschaft unter dem Motto „Dichter in den Ring“

1994
In Europa beginnt sich die Presse mit den Themen wie Spoken Word oder Poetry Slam zu beschäftigen. Der japanische Fernsehsender „J WAVE“ überträgt Poetry Slams aus dem „Nuyorican Poets Cafe“ in New York live an eine halbe Million Zuschauer in Japan. In Tokio finden darauf mehrere große Einzelslams statt.
Im Frühjahr entsteht der erste deutsche Slam im Berliner Ex'n Pop, initiiert von den in Berlin lebenden Amerikanern Priscilla Be und Rik Maverik. Später übernahm der Filmemacher Wolfgang Hogekamp die Organisation, Rik Maverik blieb der MC.
Ashville (North Carolina) hält den 5. National Poetry Slam der USA. Cleveland gewinnt im Team-, Gayle Danley (Atlanta) in der Individual-Competition.
Die Anthologie Aloud! Voices from the Nuyorican Poets Cafe , herausgegeben von Bob Holman und Miguel Algarin erscheint bei Henry Holt & Company und wird zur bestverkauften Gedichtsammlung aller Zeiten. Beide erhalten dafür den American Book Award.

1995
Der Bayerische Rundfunk sendet eine Woche lang täglich eine Stunde Ausschnitte von Slams aus dem „Nuyorican Poets Cafe“ in New York.
Der Radiojournalist Karl Bruckmaier versucht, in München einen Kompromiss zwischen herkömmlicher Literaturlesung und Slam zu schließen, nennt es Literaturslam und scheitert damit. Nur ein Jahr später wird die Veranstaltung eingestellt.
Im September des Jahres tourt Bob Holman mit Rap-Poet Reg E. Gaines und Samantha Coerbell als Delegation des „Nuyorican Poets Cafe“ durch Europa.
National Poetry Slam in Ann Arbor (Michigan). 27 Teams nehmen teil. Teamgewinner wird Asheville (NC), Patricia Smith gewinnt zum letzten Mal den Individual-Titel. Mit vier Titeln wird sie für immer und ewig zur Slam-Legende.
Im November veranstalten Bob Holman und Miguel Algarin ein „Deutsch-Nuyorican Poetry Festival“ in New York. Deutsche Gäste sind unter anderem der Bremer Rap-Poet Bastian Böttcher, der Schweizer Performance Poet Christian Uetz (späterer Gewinner des 3Sat-Preises beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb), der Büchner-Preisträger Durs Grünbein und der Düsseldorfer Dichter und Trommler Andre Michael Bolten.

1996
Am 11. Februar findet der erste Münchner Poetry Slam im Substanz unter der Regie von Rayl Patzak, Alf Maier, Lisa Cameron und Jürgen Bulla statt. Das Konzept mit insgesamt 10 Poeten, einer renommierten Band in der Mitte der Veranstaltung und DJs, die den Abend abrunden, wird vom Publikum erfolgreich angenommen. Etwa 200 Gäste erleben diesen ersten Slam mit. Von nun an wird er jeden Monat einmal stattfinden.
Alf Meier und Jürgen Bulla geben ihren Teil an Moderation und Organisation ab. Ko Bylanzky, der seit Schulzeiten mit Rayl Patzak befreundet ist und von Beginn an der Promotion beteiligt war, steigt im Juli in das Projekt ein.
Rowohlt veröffentlicht die Anthologie Poetry Slam! – Texte der Popfraktion und präsentiert etablierte Jungautoren, Musiktexter, Fanzineschreiber und sonstige Berühmtheiten unter dem Vorwand einer neu zu schaffenden Slam-Ästhetik. Die mit großem Aufwand durchgeführte Promotour deckt den Schwindel auf . . .
Bob Holman gründet das Plattenlabel „Mouth Almighty Records“, eine Untergruppe des Plattengiganten „Mercury“. Meilensteine wie Beau Sias „Attack! Attack! Go!“ oder Maggie Esteps „Love is a dog from hell“ erscheinen und erobern die Plattenläden. Besonders das junge Hip Hop Publikum kauft die Produktionen des reinen Poetry-Labels.
US-National Poetry Slam in Portland: Providence gewinnt. Individual Champion wird Patricia Johnson (Roanoke, VA). Der renommierte Filmemacher Paul Devlin begleitet die Poeten und Teams mit der Kamera. Aus dem Material wird 1998 der mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm „Slam Nation“ werden.

1997
Der „Hamburg ist Slamburg“-Slam im Fool's Garden wird von Boris Preckwitz und Tina Uebel gegründet und durch sein „raues Klima“ berühmt.
Am Karfreitag kommt es am Rande eines Berliner Slams zum ersten Treffen der Slammaster Berlins, Hamburgs und Münchens und des RapPoeten Bastian Böttcher. Eine engere Zusammenarbeit wird beschlossen, die Geburt einer deutschen Slamszene.
Middletown (CT) richtet den achten National Poetry Slam der USA aus. 33 Städte nehmen teil, darunter zwei kanadische Teams. Ein Gast-Team aus Schweden ist ebenfalls anwesend. Bob Holman stellt eine Delegation von „Mouth Almighty Records“ als New Yorker Team auf, dessen Mitglieder aus allen Teilen der USA zusammengekauft sind und gewinnt. Individual Champion wird der Rap-Poet „Da Boogie Man“ (Cleveland). Schon 1996 kam es zu Streitigkeiten zwischen Marc Smith, der gegen den zunehmenden Kommerz in der Slam-Welt kämpft, und Bob Holman, der den Slam auf allen Ebenen vermarkten möchte.
Im Oktober findet im Berliner „Ex'n'Pop“ der allererste deutsche „National Poetry Slam“ mit Teams aus Düsseldorf, München, Hamburg, Berlin Ost und Berlin West statt. Hamburg wird der erste Team Champion. Das Münchner Team (Nancy Peiffer, RAN, Rayl Patzak und Jaromir Konecny) wird Vize-Champion. Der Bremer Rap-Poet Bastian Böttcher sichert sich den ersten Individual-Titel Deutschlands.
Mit „Poetry Slam Incooperated“ (PSI) wird ein Dachverband gegründet, um den „National Poetry Slam“ vor kommerzieller Ausbeutung zu schützen.
Ende des Jahres geben Rayl Patzak und Ko Bylanzky ihre erste Anthologie heraus. Mit Slam! Texte aus dem Substanz! legen sie Rechenschaft über ihr eineinhalbjähriges Schaffen ab. Die limitierte Auflage ist nach kurzer Zeit vergriffen.

1998
Beim ersten HipHop-Special des Münchener Poetry Slams gelingt die Fusion aus HipHop und Literatur. Der Münchner MC Caramellow entpuppt sich als Poet und die HipHop-Community entdeckt den Slam für sich.
Der Spielfilm „Slam“ von Marc Levin mit Nuyorican's Grand Slam Champion Saul Williams in der Hauptrolle gewinnt das legendäre Independent Filmfestival „Sundance“ und erhält die „goldene Kamera“, den begehrten Nachwuchspreis des Filmfestivals von Cannes. Der Soundtrack dazu wird ein weltweiter Verkaufserfolg.
Im Sommer kommt der Dokumentarfilm „Slam Nation“ von Paul Devlin in die amerikanischen Kinos. Der Film gibt einen detaillierten Überblick über die Slam-Welt Ende der Neunziger und stellt, anhand des National Slam 1996 in Portland, eindrucksvoll Zusammenhänge und Unterschiede von Dichtungsstilen und Slam-Philosophien der einzelnen Akteure dar.
Ausgelöst durch die Kinofilme erlebt der Slamboom in den USA seinen Höhepunkt. Saul Williams wird zum Superstar, Nuyorican's und Green Mill sind regelmäßig ausverkauft.
Im August hat „Slam“ Deutschland-Premiere auf dem Münchner Filmfest. Stolz steht im Programmheft des Münchner Filmfestes: „Hauptdarsteller Saul Williams freut sich auf seine Freunde aus dem Substanz und besucht zum Filmfest München die Hauptstadt der deutschen Slam-Poetry (inklusive Spontanauftritte).“
Der US-National Slam des Jahres geht nach Austin/Texas: New York schlägt Dallas knapp und wird National Slam Team-Champion. Reggie Gibson holt den Individual-Titel für Chicago mit einer Ode an Jimmy Hendrix. Insgesamt nehmen 45 Städte teil, davon 13 zum ersten Mal. Über 3000 Besucher verfolgen das nervenaufreibende Finale. Der Fernsehsender CNN fasst die Geschehnisse in einem dreißigminütigen Report zusammen.
Im November findet der zweite deutsche „National Poetry Slam“ im Kunstpark Ost in München statt. Der National Slam dauert drei Tage und wird durch die Europa-Premiere von „Slam Nation“ und einer einstündigen Show von Marc Smith, dem Schirmherrn der Veranstaltung im Cinerama eröffnet. Über 1000 Besucher erleben an diesen beiden Tagen die besten 20 Einzelslammer und 11 Teams der Republik. Köln gewinnt den Titel der Team Competition. Michael Lentz erringt für München den Sieg in der Individual Competition. Das Kölner Label „Wortart“ schneidet beide Abende mit und macht daraus die Compilation „Wortsalat“. Die Süddeutsche Zeitung schreibt in einem dreiviertelseitigen Artikel: „In München genießt der Poetry Slam schon nach wenigen Jahren Kultcharakter. An seinem letzten Abend bezeichnet Smith den Münchner Slam im Substanz mit 400 Besuchern im Durchschnitt als den wohl größten regelmäßigen lokalen Poetry Slam der Welt .“

1999
Die Besucherzahlen im Münchner Substanz bleiben weiter konstant an der „Ausverkauft“-Grenze. Im Mai ringen sich Ko Bylanzky und Rayl Patzak zu einem entscheidenden Schritt durch. Der bisher vollständig „offene“ Münchner Poetry Slam wird auf das „Challenging System“ umgestellt, um die Möglichkeit zu erhöhen, vermehrt Gäste aus aller Welt zu präsentieren. Von nun an fordern je fünf Poeten aus der offenen Liste fünf geladene Slammer heraus. Die Änderung erweist sich bald als goldrichtig: Der Münchner Slam wird zu einer einmaligen Poesie-Show.
Der Verlag „Der gesunde Menschenversand“ veranstaltet eine Tour mit den deutschen Slam-Poeten Bastian Böttcher, Hadayatullah Hübsch und Till Müller-Klug sowie einigen Schweizer Dichtern und Autoren und entdeckt somit die Schweiz als Slam-Nation.
Deutscher „National Poetry Slam“ in Weimar, erstmals auch mit Poeten aus Österreich und der Schweiz: Tübingen, schon beim National Slam in München als eine Hochburg für Qualitäts-Teampieces aufgefallen, erringt den Team-Titel. Tracy Splinter, im Vorfeld nicht als Favoritin gehandelt, wird überraschend Individual Champion.
Der amerikanische National Poetry Slam feiert zehntes Jubiläum und kehrt nach Chicago zurück: Roger Bonair Agard ergattert den Titel für das „Bar 13“-Team aus New York. San Francisco und San Jose gewinnen punktgleich in der Team-Competition. Die New York Times füllt die Titelseite ihres Feuilletons mit einem ganzseitigen Artikel über den National Slam und seine Gewinner.

2000
Kein Abbruch des Erfolgsstroms für den Münchner Poetry Slam. Besonders amerikanische Slam-Heroen, wie New Yorks Grand Slam Champion Taalam Acey, der legendäre Hal Sirowitz, die gefeierte Westcoast-Poetin June Melby lassen sich einen Auftritt bei Europas größtem Poetry Slam nicht nehmen. Auch renommierte Autoren wie Georg M. Oswald, Christian Uetz oder Heiner Link verlieren ihre Berührungsängste und tragen sich sogar in die offenen Listen ein. Jaromir Konecny bleibt Rekordchampion.

Trittbrettfahrer tauchen auf: In Stuttgart wird versucht, das sogenannte German Grand Slam Masters als Konkurrenz zum National Slam zu etablieren. Nach einem zweiten Versuch wird dieses Vorhaben eingestellt.

Erstes „Lyrik am Lech“-Festival in Landsberg: Neben der Präsentation von Hans-Magnus Enzensbergers Poesieautomaten und Lesungen der gesamten traditionellen Lyrikelite (u.a. Robert Gernhardt, Raoul Schrott, Rainald Goetz), stehen besonders Poetry Slams und Spoken Word Shows, organisiert von Ko Bylanzky und Rayl Patzak im Mittelpunkt. Mit Bastian Böttcher, Michael Lentz und Tracy Splinter waren die bisherigen National Slam Champions eingeladen, dazu die Rekordsieger Wehwalt Koslovsky und Jaromir Konecny sowie Newcomer Timo Brunke. Dazu in Beth Lisick, Taylor Mali und Jerry Quickley drei der wichtigsten amerikanischen Spoken-Word-Poeten. Der mit 1500 DM dotierte Slam von „Lyrik am Lech“ mit dem Sensationssieg des Lokalmatadoren Florenz Wendt geht wohl als der hochklassigste deutsche Poetry Slam in die Geschichte ein. Bundesweit erscheinen 106 Zeitungsartikel und 15 Radio- und Fernsehbeiträge über das Poesiefestival. Die Süddeutsche Zeitung berichtet: „Die Spitzen der Slam-Szene, deren Veranstaltungen in Landsberg selbstverständlich am überfülltesten waren, haben sich schon lange vom Raus-Kotz-Stil entfernt. (...).“
Im August findet der elfte amerikanischen National Slam mit 56 Teams und 238 Poeten in Providence, Rhode Island, statt. Das Finale wird live im Fernsehen übertragen. Überschattet wird es durch die Disqualifikation von Boston, deren Anhänger die Jury-Entscheidungen beeinflusst hatten. Schließlich gewinnt Taylor Mali mit dem New Yorker „Urbana“ Team (CBGB) seinen dritten National Slam. Shane Koyczan (Vancouver, Kanada) wird Individual Champion.
Stücke von Hip Hop Dramatikern wie Sarah Jones, Danny Hoch oder Nuyorican-Urgestein Reg. E. Gaines werden zu Broadway-Ereignissen. Gaines wird mit dem Grammy und dem Tony-Award für „Bring in da Noise, bring in da Funk“ ausgezeichnet.
Düsseldorf wird im Oktober Austragungsort des vierten deutschen National Slam. Zum ersten Mal in der deutschen National Slam History finden Vorrunden statt. Jan Off (Braunschweig) wird National Slam Champion. Aachen erhält den Team-Titel. In diesem Jahr schickt der WDR Robert Gernhardt als Hofberichterstatter. Während der Finalrunden zeichnet er nochmals Portraits aller Slammer für seine private Sammlung.
Ebenfalls im Oktober startet Rayl Patzak mit der VHS München die Serie „Godfathers of Spoken Word“ als eine Art lebendige Literaturgeschichte im Münchner Gasteig. Der erste „Godfather“ ist Hal Sirowitz, der mit seinen „Mother says“ Gedichten zur Kultfigur der New Yorker Szene wurde.
Am 18. Oktober, pünktlich zu Beginn der Frankfurter Buchmesse, erscheint Bylanzkys und Patzaks zweite Anthologie „Poetry Slam! Was die Mikrofone halten! Poesie für das neue Jahrtausend.“ und wird von der versammelten Slam Prominenz am Stand des Ariel-Verlages präsentiert. Der Stand mit seinen stündlichen Live-Performances wird im Spiegel Buchmessentipp 2000.
Im November beginnt Speak & Spin , veranstaltet von Ko Bylanzky, Daniel Kühn, Kerstin Pistorius und Celine Genschke. Diese Lesereihe wird von nun an alle 14 Tage junge Literatur, von traditionellen Erzählern, ernsten Dichtern bis zu Spoken-Word-Poeten im Münchner Café GAP präsentieren.

2001
Im Januar kehrt Marc Kelly Smith nach München zurück. Er bleibt eine knappe Woche und bestreitet im fast ausverkauften Gasteig seine „Godfathers“ Show. Außerdem gibt er eine Reihe von Interviews und hält einen Gastvortrag vor Amerikanistik-Studenten der Münchner Universität.
Im März präsentieren Ko Bylanzky und Rayl Patzak eine Slam Poetry Show zur Leipziger Buchmesse. Mit dabei sind der amtierende NPS Champion Jan Off, Xochil A. Schütz, Jaromir Konecny, Knud Wollenberger und Tracy Splinter. Die Veranstaltung wird vom MDR aufgezeichnet.
Startschuss für den Poetry Slam in Regensburg: Am 6. April organisieren und moderieren Bylanzky und Patzak den ersten Slam in der „Alten Mälzerei“. Die Jugendsendung „Zündfunk“ des Bayerischen Rundfunks präsentiert die Veranstaltung. Von nun an wird der Poetry Slam in Regensburg alle zwei Monate stattfinden.
Im April veranstaltet der Bayerische Rundfunk mit Albert Ostermaier die erste BR Lyriknacht in der Münchner Muffathalle. Sie enthält einen separaten „Slam Poetry“-Programmteil, den Rayl Patzak und Ko Bylanzky gestalten. In diesem sind u.a. die Londoner Raggamuffin- und Raggae-Poetin Poppyseed, Bastian Böttcher und Albert Ostermaier mit seinem Gitarristen Bert Wrede vertreten. Die Veranstaltung wird vom Bayerischen Rundfunk vier Stunden lang live übertragen.
Ebenfalls im April kehren Bylanzky und Patzak nach Landsberg zurück. Im Rahmen des „Isotope Festivals“ veranstalten sie einen halboffenen Show-Slam mit nationaler Besetzung. Geladene Gäste sind u.a. Tracy Splinter, Wehwalt Koslovsky und Jaromir Konecny. Austragungsort ist eine gigantische Konzertbühne in einer achthundert Personen fassenden Halle.
Der Münchener Poetry Slam beschließt seine erfolgreichste Saison mit Nuyorican's Grand Slam-Champion Tehut-Nine und einem Filmteam des Telekolleg, das den Poetry Slam in seine Literaturgeschichte aufnimmt.
Der National Poetry Slam Champion von 1998, Michael Lentz, gewinnt mit seinem Text Muttersterben den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt.
Slam im Zirkuszelt: Rayl Patzak und Ko Bylanzky moderieren im Juli einen offenen Poetry Slam auf dem Münchner Feierwerk-Sommerfest in einem riesigen antiken Zirkuszelt. Es fasst knapp 600 Besucher . . . und ist rammelvoll.
Im August US-National Poetry Slam in Seattle. Dallas gewinnt. Individual Champion wird Mayda del Valle vom „Nuyorican Poets Cafe“ (New York). Das Nuyorican's feiert ihre Rückkehr euphorisch mit nächtelangen Partys. Die New York Times bezeichnet die Poetin als weibliche Antwort auf Saul Williams.
Ein neues Land entdeckt den Slam: Kroatien. Ende August/Anfang September reist eine Delegation deutscher Spoken Word Poeten mit Wehwalt Koslovsky, Timo Brunke, Dirk Hülstrunk, Xochil A. Schütz, Lasse Samström und Markim Pause nach Krk, um dort zu slammen. Auch in Italien und Frankreich beginnt die Slam-Welle. Die Passauer Poetin Natalie Krieger importiert den Slam nach Barcelona.
Vom 15. bis 18. November deutscher „National Poetry Slam“ in Hamburg: Knapp 150 Poeten aus 29 Städten performen um den Titel des Jahres: Sebastian Krämer, der seinen allerersten NPS bestreitet, gewinnt die Individual Competition für den Berliner Südslam; Winterthur/Schweiz (Tom Combo, Sibylle Aeberli, Susanne Zahnd) gewinnt den Team-Wettbewerb. Der Verlag „Hoffmann & Campe“ plant eine CD, der Hamburger Rotbuch-Verlag eine Anthologie mit Texten des National Slams. Die größten deutschen Tageszeitungen schicken eigens Berichterstatter.
Der US-Fernsehsender HBO präsentiert monatlich zweimal die „Def Poetry Jam Show“ einem Millionenpublikum. Die Sendung wird von Mos Def moderiert und vereint in ihrer ersten Folge im Dezember alte Poetry Legenden wie die Last Poets, Amiri Baraka und Gil Scott-Heron als Studiogäste.

2002
Slam-Invasion aus Amerika: Kein Monat vergeht, in dem nicht Top-Spoken-Word-Poeten die Lande bereisen: Tantra, Aqiyl, Ainsley Burrows, National Slam Champion Roger Bonair-Agard, June Melby & Mindy Nettifee, Derrick Brown & Joel Chmara, Will Power, Soul Evans und schließlich auch Slampapi Marc Smith. Die Gründerin des legendären All Women Poetry ensembles „The Morrigan“, Andi Strickland lebt gar für einige Monate in München.
Rayl Patzak wird zum ersten Poetry-DJ Deutschlands und startet seine monatliche Clubnacht im Substanz „Watch da Poem, Dance da Poem“, in der er ausschließlich Poetry Tracks auflegt und Poetry-Filme präsentiert.
Ko Bylanzky wird vom Literaturhaus München gebeten, an einer Reihe für junge Literatur mitzuarbeiten. In bewegungsfreiheit werden fortan in lauschiger Atmosphäre auch Slammer ihren Platz im Literaturhaus finden.
Bereits zum zweiten Mal werden Rayl Patzak und Ko Bylanzky gebeten an der BR-Lyriknacht mitzuwirken und ein Spoken Word-Paket zusammenzustellen. Mit Roger Bonair-Agard kann sogar ein U.S. National Slam Champion gewonnen werden. Außerdem treten Andi Strickland und Timo Brunke auf. Ko Bylanzky moderiert die Show.
Die Dresdner Lyriktage werden zur Bardinale und laden die Slam-Elite zum Kräftemessen mit der lokalen Szene. Zwei Einheimische gewinnen, das Publikum jedoch erfreut sich an einem hochkarätigen Abend.
Im Rahmen der „Langen Nacht der Bücher“ entschließt sich das Goethe-Institut in München einen Abend nur mit Slam- und Spoken Word-Poeten zu gestalten. Rayl Patzak und Ko Bylanzky laden hierzu U.S. Vize-National Slam Champion Derrick Brown, Joel Chmara, Bastian Böttcher, den jungen St. Gallener Poeten Dani Ryser und die Münchener Rap Poetin Fiva ein. Die Süddeutsche Zeitung schreibt rückblickend von „der wohl lebendigsten aller Literaturszenen“.
Auf dem ObenOhneOpenAir teilen sich Slammer vor 8000 Menschen im Publikum die Bühne mit einigen der bekanntesten deutschen Hip Hop- und Reggae-Acts wie Blumentopf, Fettes Brot und Gentleman.
Im August findet der U.S. National Slam in Minneapolis statt. Marc Smith moderiert erstmals seit Jahren wieder das Finale. Detroit und New York ("Urbana" Team) teilen sich den Team-Titel. Sekou Tha Misfit gewinnt die Individual Competition.
Mit Planet Slam erscheint die bis jetzt ausführlichste deutsche Poetry Slam-Anthologie.

Im September findet der National Slam oder German International Poetry Slam (GIPS) erstmals außerhalb Deutschlands statt und trägt mit dem Austragungsort Bern der rasanten Entwicklung Rechnung, die Poetry Slam in der Schweiz genommen hat. Mit seinem Titel im Einzelwettbewerb und im Team für Wuppertal wird Lasse Samström erster Doppelchampion der Geschichte.

2003

Im Februar 2003 findet erstmals die Slam-Revue „Poetry – Dead or Alive“ in der Jutierhalle der Münchner Kammerspiele statt. Ein Ensemble „lebender Dichter“ bestehend aus Bastian Böttcher, Timo Brunke, FIVA und Wehwalt Koslovsky fordert die „toten Dichter“ heraus, die von Schauspielern des Ensembles der Kammerspiele verkörpert werden. Die Slammer gewinnen überlegen die Teamwertung, den Einzeltitel holt Marion Breckwoldt alias Ernst Jandl.

Auf Einladung des Goethe-Instituts und der Pro Helvetia begeben sich Delegationen aus Deutschland und der Schweiz zum U.S. National Poetry Slam nach Chicago. Ko Bylanzky und Rayl Patzak moderieren ein European Showcase im offiziellen Programm. Der Schweizer Poet und Rapper Jürg Halter gewinnt das Finale des HipHop Slams gegen Rapstar Sage Francis.

Der Einzeltitel des U.S.-National Slams geht an den Comedy-Poeten Mike Mc Gee aus San Jose, der Titel des besten Teams dank drei unglaublichen Teampieces an Los Angeles.

Nach grundlegenden Differenzen endet die Zusammenarbeit zwischen Ko Bylanzky und dem Münchener Literaturhaus.

Erstmals findet der German International Poetry Slam in zwei Städten statt: Darmstadt und Frankfurt. Das Finale, das Sebastian Krämer aus Berlin als ersten zweifachen Champion hervorbringt, geht mit beinahe 1000 Besuchern als das bestbesuchte der Geschichte ein. Auch das Abstimmungssystem ist neu, das Publikum stimmt mit Stimmzetteln ab und stülpt im Finale den Teilnehmern Gummiringe über einem ihrem Namen zugewiesenen Besenstiel. Das Teamfinale geht überraschend an Passau, das Substanz-Team aus Franziska Ruprecht, Josua Seyum und Sir Benefic wird knapp geschlagen Zweiter.

2004

Die zweite Auflage von „Poetry- Dead or Alive“ zieht in das Schauspielhaus der Kammerspiele um, das extra dafür koplett umgestaltet wird, und ist schon einige Wochen vorher ausverkauft. Diesmal gewinnt überlegen das Team der Schauspieler, der Stuttgarter Rap-Poet Tobias Borke siegt in der Einzelwertung.

Im Februar startet „Lauschlounge“, die monatliche Literaturclubnacht der Kammerspiele, mit einem Mix aus Bühnenpoeten, Schauspielern des Ensembles der Kammerspiele und Poetry-DJ Rayl da PJ im frisch renovierten Werkraum. Alle fünf Veranstaltungen bis zur Sommerpause sind restlos ausverkauft.

Mit dem Salzburger Poetry Slam, moderiert von Ko Bylanzky, kommt auch Fahrt in Österreichs Slam-Szene. Eine enge Verbindung zu den Slams in Innsbruck, Dornbirn und Wien entsteht.

Auch das Züricher Schauspielhaus kommt auf den Geschmack: Anlässlich eines Auftritts auf der Europatour von Slampapi Marc Smith findet im Schiffbau ein rauschender Slam statt. An eine regelmäßige Austragung wird gedacht.

U.S.-National Slam in St. Louis unter teilweise chaotischen Bedingungen. Newcomerin Sonya Renée aus dem Team Baltimore/DC gewinnt überraschend den Einzeltitel. Das Team aus Hollywood, das bereits im Vorjahr mit seinen Teampieces überzeugt hat, wird diesmal bestes Team.

Mit Planet Slam – Ein Reiseführer durch Welten des Poetry Slam erscheint der Nachfolger der inzwischen nahezu vergriffenen Anthologie Planet Slam – Das Universum Poetry Slam.

Bylanzky und Patzak rocken bei der Abschlussveranstaltung des Deutschen Germanistentages den Saal des Münchner Literaturhauses. Das Line-Up, bestehend aus Bastian Böttcher, Timo Brunke und Gabriel Vetter begeistert Germanisten und Deutschlehrer.

German International Poetry Slam in Stuttgart Ende Oktober, größer denn je. Erstmals wird ein U 20 Schüler Slam im Rahmenprogramm durchgeführt. Erster Champion ist der Pforzheimer Lino Wirag. Einstimmig wird beschlossen, von nun an Schülerslams im ganzen deutschsprachigen Raum durchzuführen und ein Finale der besten dem National Slam anzugliedern.

Nach drei Tagen voller intensiver Poetry steht Gabriel Vetter aus Schaffhausen als erster Schweizer Champion im Einzelwettbewerb des German International Poetry Slam fest. Premiere auch im Teamwettbewerb: Mit Tübingen gewinnt erstmals eine Stadt den Titel zum zweiten Mal.

Europas Slam-Szene wächst zusammen: Im Herbst 2004 erscheint beim Schweizer Menschenversand unter dem Titel Europe speaks! die erste gesamteuropäische Spoken-Word-CD.


 

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